Die "Extrafahrt auf dem Dampfwagen
Im Jahre 1850 kam es in Chemnitz zu einem denkwürdigen Ereignis, das seines Gleichen sucht. Die "Extrafahrt auf dem Dampfwagen" wirft dabei ein sehr erhellendes Licht auf verschiedene Aspekte Chemnitzer Geschichte. Zum Einen wird der "Mensch" Richard Hartmann deutlich, im Gegensatz aber auch seine Rolle im kapitalistischen Gefüge. Zum anderen zeigt das folgende Ereignis wie einen Schnappschuß die Zusammenhänge in der Chemnitzer Arbeiterschaft in den Nachwehen der bürgerlichen Revolution von 1848 auf. Doch lesen Sie selbst:


Vorspiel: Spezialisten aus Frankreich
Die Jahre waren voller Umbruch. Die zweite Hälfte der 1840er Jahre hatte einen Rückgang beim Absatz von Maschinen gebracht und dies war durch die Revolution von 1848 weiter vertieft wurden. Daher suchte Hartmann nach weiteren Standbeinen und begann ja auch in dieser Zeit mit der Herstellung von Lokomotiven - worin er zu den Größten in Deutschland und der Welt werden sollte. Doch auch andere Geschäftsfelder sollten eröffnet werden. So plante Hartmann unter anderem den Bau von Gewehren - ein jederzeit krisensicheres Geschäft. Hartmann hatte in Chemnitz zwar hervorragendes Personal, jedoch fehlten im zum Start einer Gewehrproduktion die notwendigen Spezialisten. Also warb er aus einer französischen Gewehrfanrik in Mutzig 30 Facharbeiter für sein Unternehmen ab, wofür er von den französischen Behörden wahrscheinlich per Steckbrief gesucht werden sollte.

Nun mußte Hartmann seinen "neuen" Leuten etwas anbieten, um sie mit ihren Familien aus ihrer Heimat weg in das entfernte Chemnitz zu locken. Also bot er ihnen bessere Arbeitsbedingungen an, als sie den deutschen Arbeitern zustanden. So wurde die wahrscheinlich strenge Fabrikordnung Hartmanns für die Franzosen ausgesetzt.


Unruhe bei Hartmann
Die Besserstellung der Franzosen gegenüber den deutschen Arbeitern sorgte bei den Hartmann-Arbeitern für erheblichen Unmut, da "die französischen Arbeiter weniger Zeit arbeiten als die deutschen und sich über letztere deshalb nicht selten lustig machten." So traten die Franzosen sehr selbstbewußt auf.

Ende April 1850 weilte Richard Hartmann auf der Leipziger Industrieschau, bei der sein Unternmehmen zu den großen Ausstellern gehörte. Dies nutzten die unzufriedenen Arbeiter in Chemnitz und überreichten dem Prokuristen Seidler einen Forderungskatalog, der unter anderem die Angleichung der Arbeitszeit und der Entlohnung an die der Franzosen und die prinzipielle Erhöhung der Akkordlöhne beinhaltete. Seidler kontaktierte sofort Hartmann in Leipzig, der wiederum sofort seinen Aufenthalt in Leipzig abbrach und zurück nach Chemnitz reiste. Hartmann hatte den Ernst der Lage erkannt, denn in seiner Fabrik lagerten jede Menge halbfertige Gewehre.

Nachdem man kurzen Rat abgehalten und die Informationen abgeglichen hatte, wurde am 30. April abends der Bürgermeister Müller über die Lage und das Gefahrenpotential informiert. Daraufhin wurden der Amtshauptmann und der Kommandant des seit 1848 in der Stadt stationierten Militärs alarmiert. Doch Hartmann erklärte sich auch bereit, seine Arbeiter anzuhören. So empfging er am darauf folgenden Tage, dem 1. Mai 1850 die Delegation der Arbeiter, die aus den vier Mitarbeitern Schmidt, Krapf, Kluge und Hücke bestand. Der Zweck der Unterredung war jedoch keineswegs der Kompromiss, sondern Hartmann wollte die Unruhe in seiner Belegschaft im Keim ersticken. Dazu aus den Protokollen des anwesenden Stadtschreibers:

"Herr Hartmann ergriff zuerst das Wort und drückte sein Bedauern aus, daß Differenzen zwischen ihm und seinen Arbeitern aufzutauchen schienen mit dem Bemerken, daß ihm dann, wenn keine Einigung zwischen ihnen zu Stande komme, und seine Arbeiter auf den gemachten Anforderungen stehen blieben, ihm nichts übrig bleibe, als dieselben zu entlassen, und nur diejenigen auch künftiglich zu beschäftigen, welche sich der bestehenden Fabrikordnung unterwerfen wollten."

Die Arbeiter waren dem nicht gewachsen und ließen sich von Hartmann ins Wort fallen. Schließlich brachen sie die Verhandlungen "für jetzt" ab, da Hartmann Ihnen ein klares Ultimatum stellte. Entweder man fügte sich und akzeptierte die Fabrikordnung oder er werde die Arbeiter entlassen.


Ausweitung der Krise
Doch damit war es nicht getan, denn die Situation spitzte sich nun zu und gewann an Fahrt. Die Kunde von dem Aufbegehren der Arbeiter machte in Chemnitz schnell die Runde. Und so erschienen am 2. Mai Arbeitervertreter von den Chemnitzer Unternehmen Pfaff, Götze und der Sächsischen Maschinenbau-Kompagnie auf dem Chemnitzer Rathaus und bekundeten dort, sich den Forderungen der Hartmann-Arbeiter anschließen zu wollen. Vor allem aber wurde eine allgemeine Versammlung für den 4.Mai im Gasthof "Linde" gefordert. Bürgermeister Müller lehnte die kategorisch ab.

Am darauffolgenden Tage verließ der Werkführer der Franzosen Arnold Chemnitz. Warum dies? Aus Notizen des Bürgermeisters Müller geht hervor, daß Arnold maßgeblich dazu beigetragen habe, daß die Forderungen an Hartmann erhoben wurden. Der Bürgermeister war für eine Ausweisung aus der Stadt, Hartmann versuchte das zu verhindern, mußte aber am 3. Mai davon ablassen, so daß Arnold daraufhin die Stadt verließ. Dazu ist zu überlegen, ob die Franzosen nur durch ihr selbstbewußtes Auftreten - wie oben geschildert - den Unmut der Hartmann-Arbeiter hervorgerufen haben, oder ob sie maßgeblich mit dazu beigetragen haben, die Arbeiter zu ihren Handeln zu ermuntern.

Da Bürgermeister Müller die Versammlung für den 4.Mai abgelehnt hatte, erschienen am 4. Mai früh die Arbeiter erneut im Rathaus und forderten die Zulassung der Versammlung in der "Linde" erneut. Wieder lehnte Müller ab. Doch die Arbeiter waren gewillt, sich nicht abschmettern zu lassen. Die Versammlung wurde geheim und illegal organisiert. Als Hartmann davon erfuhr, teilte er dem Chemnitzer Stadtrat mit, er habe von einem Denunzianten erfahren, "daß die Chemnitzer Maschinenbauer privatim aufgefordert würden, heute abend in einer Versammlung im Anker zu erscheinen.".

Nun verlaufen sich die Fakten etwas. Ob es zu dieser Versammlung kam, ist nicht mehr zweifelsfrei feststellbar. Fakt ist jedoch, daß es zu einem Zusammentreffen der Arbeiter mit Hartmann auf einer Versammlung kam, die wohl ziemlich heftig verlief.


"Extrafahrt auf dem Dampfwagen"
Wie gesagt, ging es auf der bessgtane Versammlung heiß her und anfangs gaben sich Worte und Widerworte die Hand. Hartmann verhielt sich "sehr schroff und abweisend", und drohte mit Kündigung. Wahrscheinlich brachte ihm dies nicht weiter und es stand ja auch für ihn eine Menge auf dem Spiel. Zum einen brachte jeder Tag versäumter Arbeit Verluste für sein Unternehmen, zum anderen konnte er in dieser Aufschwungzeit nicht auf einen Großteil seiner Leute einfach so verzichten - was auch die Arbeiter ahnten. Schließlich war es auch nicht zu verkennen, daß ein Großteil der Chemnitzer Arbeiterschaft hinter den Forderungen der Hartmann-Arbeiter stand. Da er nun also auf diese herrische und harte Weise nicht mehr weiterkam, brachte er ein Trumpfblatt auf den Tisch, daß stach. Ob er es vorher bereits im Ärmel hatte, oder ob es ihm aus einer Idee heraus eingefallen war, läßt sich nicht sagen. Jedenfalls bot Hartmann seinen Arbeitern eine "Extrafahrt auf dem Dampfwagen zur Industrieausstellung nach Leipzig" an.

Diese Idee war einfach genial. Für den Großteil der Arbeiter war dieser avisierte Ausflug eine einzigartige Attraktion, zumal es zur Industrieausstellung gehen sollte. Viele der Arbeiter waren weder über die Grenzen der Stadt hinausgekommen, noch mit einer Eisenbahn gefahren, geschweige denn eine Ausstellung besucht. Natürlich war dies - heute würde man sagen - ein absolut genialer marketing-Coup, denn er konnte FRieden in seiner Arbeiterschaft herstellen und sich nebenbei - die Berichterstattung in den Medien war ihm sicher - als fürsorgender Firmeninhaber und Patriarch in Szene setzen. So konnte man dies später auch in der Firmenchronik lesen, daß seinen "Fabrikgehilfen eine Freude bereiten zu können, ... Hartmann selbst Freude" sei.

Das Wichtigste bei Hartmanns Schachzug war jedoch der Fakt, daß er damit seine Arbeiterschaft gespalten hatte. Nur noch wenige versuchten weiter zu agitieren, während sich der größere Teil der Arbeiterschaft auf den Ausflug freute. Zwar gab es weiter Unruhe in der Belegschaft und auch Flugblätter tauchten auf, aber im Großen war die kritische Situation beigelegt. Am Freitag, den 10. Mai erschien der Arbeiter Krapf im Rathaus und teilte mit, daß nun alle Differenzen beigelegt seien. Und so ging es am folgenden Samstag gegen Nachmittag los.


Durch den Küchwald
Man startetet in der Fabrik und wollte die Stadt über die Leipziger Straße verlassen, um das erste Stück des Weges bis nach Altenburg zu Fuß zurückzulegen. In Altenburg sollte dann die Eisenbahn bestiegen und von dort aus nach Leipzig gefahren werden. Der Prokurist Seidler ritt mit einigen Personen - entweder Beamte oder treu ergebene Arbeiter - als Vortrupp voraus. Danach kam als Spitze des Hauptzuges Hartmann auf dem Pferd, dem eine Kapelle folgte. Dahinter trabten die etwa 300 Arbeiter in Gruppen von 25 Mann, die jeweils von einem Ordner geführt wurden.

Nun arbeiteten bei Hartmann etwa 500 Mitarbeiter und so kann man auch ersehen, daß über die Hälfte sich von Hartmanns Vorschlag haben überzeugen lassen, während die rstlichen zweihundert nicht mit teilnahmen. Diese wollten Hartmann seinen Triumph nicht lassen und planten Störungen des Marsches. Da dies aber Hartmann zur Kenntnis gelangt war, wurde eben jener berittene Vortrupp gebildet, um sich gegen diese Störungen zu wappnen.

Und so kam es dann auch. Als der Trupp den Küchwald erreichte, wurde er von heftigen Gebrüll und Geheule empfangen, denn in den Büschen hatten sich viele Arbeiter versteckt, die den Zug stören wollten. Seidler ritt sofort zurück und informierte seinen Chef darüber, aber Hartmann konnte nicht zurück, denn er selbst hatte ja dafür gesorgt, daß es ein massentaugliches Spektakel und ein Marketing-Coup geworden war. Also galt das Motto: "Augen zu und durch." Von einem Geheul und von schmähenden Liedern begleitet, durchzogen nun die Hartmanntreuen Arbeiter den Küchwald, bleiben aber ansonsten ungestört. Zwar hatte man versucht, auch in leipzig etwas zu organisieren, aber von solchen Geschehnissen ist heute nichts bekannt, so daß es also wahrscheinlich auch nicht sonderlich zum Tragen kam.

In den Medien fand das Geschehene beriten Widerhall. Sowohl Chemnitzer, wie auch Leipziger und Altenburger Zeitungen berichteten ausführlich. Besonders gut kam es auch, daß am 11. Mai auch die sächsischen Landtagsabgeordneten und drei Tage später der König in Leipzig aufhielten und Hartmann sich ddurch als besonders "arbeiterfreundlicher" Unternehmer präsentieren konnte.


Nachbetrachtung
Hartmann hatte mit Zuckerbrot und Peitsche und sicher auch einem Quantum an Glück die für ihn kritische Situation überstanden. Seine Fabrikordnung war weiterhin in Kraft, die Produktion lief und er stand in der Öffentlichkeit besser da als je zuvor. Als Fußnote dieser Geschichte darf man jedoch nicht vergessen zu erwähnen, daß sowohl 17 der Küchwald-Störer verhaftet wurden und vor allem der Wortführer der Arbeiter Krapf am 19. Juni 1850 aus der Stadt ausgewiesen wurde.


Zeitlicher Abriss
1850 Extrafahrt


Der Protagonist
Historisches Chemnitz - Richard Hartmann
Richard Hartmann
1809-1878


Weiterführende Links
siehe auch: Links und Quellen


Quellen/Buchempfehlungen
Einmal kommt die Zeit von Karlheinz Schaller, Verlag für Regionalgeschichte.




www.Historisches-Chemnitz.de