Das Kloster der Franziskaner
und die St. Paulikirche
Historisches Chemnitz - Paulikirche und Franziskanerkloster
um 1890
Biegt man heute von der Theaterstrasse kommend in das "Franziskanerviertel" ein, sieht man rechter Hand Neubaublöcke als Wohnhäuser aus DDR-Zeiten stehen. Hier befand sich vormals die St. Paulikirche und davor das Gelände des Franziskanerklosters zu Chemnitz.


Das Franziskanerkloster
Nachdem bereits auf dem Areal am Getreidemarkt seit 1481 gebaut wurde, genehmigte am 14. April 1485 Papst Innocenz VII. die Stiftung eines Franziskanerklosters zu Chemnitz. Die Bauzeit hatte stolze vier Jahre betragen und war von stattlichen Spenden u.a. der Familie Neefe begleitet worden. Der Überlieferung nach soll der Kurfürst Herzog Friedrich "der Weise" höchstpersönlich den Grundstein gelegt haben. Allerdings gab es anfangs nicht nur Zustimmung. So befürchtete etwa der Pfarrer der Stadtkirche St. Jacobi, daß die Bevölkerung Spenden an das neue Kloster geben könnte, die vielleicht bestehenden Kirchen besser zuständen. Ebenso befürchtete er einen Rückgang der Zahl seiner "Beichtkinder", da ja die Franziskaner kein Beichtgeld nahmen. Sicherlich war auch der damalige Abt der Benediktiner, Kaspar von Meckau, nicht gerade begeistert von der Neugründung.

Nachdem die Stiftung genehmigt worden war, halten noch im selben Jahr, am 9. September, die ersten 16 Brüder vom "Barfüßerorden" unter Beteiligung und Hilfe der Chemnitzer Benediktiner feierlichen Einzug in das neue Haus. Der Überlieferung nach sollen sie allerdings nicht zu Fuß gekommen, sondern hoch zu Roß in die Stadt geritten gekommen sein. Noch am ersten Tag empfing der "Guardian" (gleichbedeutend mit "Abt") die Weihe.

Das Kloster bestand aus einem Wohnhaus, einer Kirche, einem kleinen Glockenturm und einem Wirtschaftsgebäude. Neben dem Geböuden befanden sich Gemäsegärten und in Richtung Lohgasse der eigene Begräbnisplatz des Klosters.


Historisches Chemnitz - Paulikirche und Franziskanerkloster
Die "Minderbrüder" wie die Franziskaner auch genannt wurden, waren im Stadtbild durch ihre einfachen braunen Kutten zu erkennen. Die Mönche trugen neben diesen Tuniken noch Beinkleider, einen Leibstrick mit drei Knoten (Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam) und Sandalen. Bei Bedarf wurde über der Tunika noch ein kurzer Mantel getragen. Im Krankheitsfall waren aber auch Hemden oder feste Schuhe erlaubt.

Entsprechend den Vorgaben des Ordensgründers waren die Brüder zur Armut verpflichtet. Ihren Lebensunterhalt verdienten sie sich allein durch Spenden und Almosen. Dafür waren sie bei der Stadtbevölkerung beliebt, denn sie nahmen keinen Lohn für ihre Predigten.


Um dies Einküfte zu stabilisieren wurden durch die Mönche sogenannte Bruderschaften eingerichtet, die es den beitretenden - und zahlenden - Mitgliedern erlaubte, den Gnadenhandlungen wie etwa Messen, Fasten, Kasteiungen und ähnlichen beizuwohnen. Ganze Innungen der handwerkerschaft waren Mitglieder in den Bruderschaften, so daß es den Mönchen nicht an Unterstützung gefehlt haben dürfte. So war auch die Familie Neefe seit 1489 Mitglied der Bruderschaft.

Da die Franziskaner einen Großteil Ihrer Leistungen unentgeltlich anboten, kam es zu einer Verschiebung innerhalb der Chemnitzer Kirchen. So nahm die Besucherzahl der Gottesdienste der Jacobikirche und der Johanniskirche - in der die Benediktiner Gottesdient abhielten - wie vorhergesehen ab und stieg dafür bei den Gottesdiensten der Franziskaner an.


Auflösung des Klosters
Die erste Visitation
Nach dem Tode des Herzogs Georg im Jahre 1539 führt sein Bruder und Nachfolger Heinrich der Fromme die Reformation ein. Im Zuge dessen kommen am 29. Juli 1539 Visitatoren des Herzogs nach chemnitz und rufen für den nächsten Tag eine Verhandlung ein. Dazu werden der Rat der Stadt Chemnitz, der Abt des Benediktinerklosters, der Guardian der Franziskaner sowie die Geistlichen der Stadtkirchen geladen. Die Visitatoren erklären in vier Punkten, daß Winklemessen, der Genuß des Abendmahles unter einer Gestalt, das Klostergelübbde und die Ehelosigkeit der Geistlichen unstatthaft und abgetan sein. In Folge dessen wird den Franziskanern befohlen:

    "Erstlich, sich aller Winkelmessen zu enthalten, als eines lästerlichen Gottesdienstes dadurch das hohe Verdienst Christi zum höchsten verlästert wird.
    Zum andern: Niemandes mehr beichte zu hören; denn der Mißbrauch in der Beichte sei bei ihnen im vollem Schwang gewest...
    Zum dritten: Das hochwürdige Sakrament des wahren Leibes und Blutes Christi weder zu reichen, noch zu empfangen unter einer, sondern nach Christi Einsetzung unter beider Gestalt.
    Zum vierten: Daß sie keinen Mönch mehr aufnehmen sollen und daß sie einen jeden Bruder frei sollen lassen, nach seiner Gelegenheit sich aus dem gefährlichen und ärgerlichen Klosterleben und Klosterkleid in Ehestand und gemeiner Kleidung zu begeben.
    Zum fünften: Daß sie nicht mehr zu Predigten läuten, noch einige öffentliche Zeremonien (Gebräuche)zu Verhütung und Zerüttung der Kirchen halten sollen; wollen sie aber Gottesdienste unter sich, doch ungeläutet und mit versperrten Kirchentüren, in Stille halten, soll es ihnen unverboten sein.
    Zum sechsten: Keine Meuterie (Zänkerei) mit jemand wider das heilige Evangelium und christliche Zeremonien und derselben Anhänger zu machen, noch übel, spöttich oder lästerlich zu reden, noch jemand davon zu ziehen."
Danach besuchten die Visitatoren die Chemnitzer Kirchen und erstellten Verzeichnisse über Besitztümer und die Einkünfte der Pfarrer.

Die zweite Visitation
Am 12. April des Jahres 1540 kam es zur zweiten Visitation in Chemnitz. Dabei ging es weniger friedlich als bei der ersten zu, denn die Auflösung des Klosters wurde befohlen. Die Visitatoren befragten die Franziskanermönche, ob sie gewillt seien, sich dem Evangelium zu unterwerfen. Der Überlieferung nach, sollen daraufhin alle Mönche im "mutwilligem" Tone "Nein!" gerufen haben. Vom Klostervorsteher, dem Guardian Thiele (Thilo) Werner wird berichtet, daß er sich "sehr beißig und widerspenstig" verhalten habe und die Reformation öffentlich und vor den Visitatoren verteufelt habe.

Am 19. April werden die Mönche aus der Stadt verwiesen. Die Mönche verlassen schließlich das Kloster Chemnitz. Der Guardian muß geloben, nicht mehr zurück zu kehren. Wahrscheinlich ziehen die Mönche nach Kadan in Böhmen oder nach Halle an der Saale, wo sie wieder in den Besitz eines Klosters kommen. Mit sich nehmen sie ihr Archiv und ihr Hab und Gut. Das Gelände und die Gebäude fallen an die Stadt. Beim Verlassen der Stadt soll der Überlieferung nach ein Mönch ausgerufen und der Stadt Chemnitz prophezeit haben: "Sie werde zu einer volkreichen und glücklichen Stadt gedeihen, aber dem Übermut verfallen und mit Feuer, Pest, Schwert und Wasserfluten heimgesucht werden."


Das Klostergelände nach den Franziskanern
Nachdem das Kloster von den Mönchen verlassen ist, beantragt der Rat der Stadt ein Nutzungsrecht, was ihm jedoch vom Kurfürsten Moritz abgelehnt wird. Daraufhin dient ein Teil der Gebäude noch einige Zeit als Wohnhaus - u.a. für einen Hauptmann Pfefferkorn. 1573 kauft dann die Stadt die restlichen Gebäude auf und betreibt dort nach 1585 die städtische "Ratsmangel".

Im 30-jährigen Krieg wird das Gelände zum Kriegsschauplatz, als sich 1632 kaiserliche Truppen unter Andreas de Contrares darin verschanzen, während vom Kaßberg aus die Schweden unter dem Herzog Bernhard von Weimar die Gebäude beschießen. Nachdem es den Belageren am 19. November 1632 gelingt, eine Bresche in die Stadtmauer in der Nähe des Pfortentores zu schiessen, wird das Gelände am darauffolgenden Tag von den Schweden erstürmt.

1643 fallen die Klosterbauten einem Brand zum Opfer und verschwinden damit weitestgehend aus dem Stadtbild. Später nutzt man die Gebäudereste wohl zur Ausbesserung der Stadtmauer.
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Blick vom Kaßberg zur Paulikirche und zum Alten und Neuen Rathaus


Kirchenneubau auf den Klostermauern
1749 erwirbt dann die Stadt noch das restlichen Klostergebäude für 100 Taler vom damaligen Bürgermeister Lange und reißt die Ruinen dnacah ab. Auf dem Gebiet des ehemaligen Franziskanerklosters wurde 1750 bis 1756 die "Neue Johanniskirche", damals auch bekannt als "Neukirche" erbaut. Grund für den Bau war die stetig wachsende Vorstadtgemeinde der Johanniskirche, die diese nicht mehr betreuen konnte. Die Bauleitung hatte der Freiberger Baumeister J.G.Ohndorf und der Chemnitzer Zimmerermeister J.M.Mende sowie der Chemnitzer Maurermeister Ch.Hösel.

Am 25.August 1750 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung und am Reformationstag 1756 die feierliche Einweihung durch einige Taufen und Trauungen. Anfangs zierte das schmucklose Äußere nicht einmal ein Turm. Äußerlich zwar schmucklos, sagte man dem Inneren mit etwa 1.800 Plätzen eine sehr gute Akkustik nach.

Während der Wirren der Napoleonischen Kriege diente das Gotteshaus von 1813 bis 1815 auch als Lazarett.


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Die Kirche (links) im Stadtbild


Eigenständigkeit
1875 war die Vorstadtgemeinde Johannis so groß geworden, das die Parochie geteilt wurde. Die nun selbstständig gewordene Gemeinde taufte man auf den Namen des Apostel Paulus um. 1881 wurde eine erste Erneuerung der Kirche durchgeführt, wobei die alte Silbermannsche Orgel durch eine neue der Gebrüder Jehmlich aus Dresden ersetzt wurde.

1887 erhielt sie umfassende Veränderungen. Nach Einholung eines statischen Gutachtens wurde nun endlich ein 61 Meter hoher Glockenturm gebaut und dieser mit einem B-Dur-Geläut der Glockengiesserei Bierling aus Dresden versehen. Am 6.Oktober 1887 wurden die Glocken und der Turm eingeweiht.

Ansichten
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Das Ende als Willkürakt des Staates
Durch die Kriegseinwirkungen des Jahres 1945 wurde das Bauwerk beschädigt. Besonders die Turmhaube war stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Jedoch begann man nach dem Krieg mit der Sanierung, so daß bereits wenige Jahre nach Kriegsende Bauarbeiten an der Kirche erfolgten. 1957 wurde der Turm neu mit Schiefer gedeckt. Aber die Zeiten hatten sich geändert. In der Staatsführung der DDR versuchte man den Einfluß der Kirche zurückzudrängen und durch sozialistisches Gedankengut zu ersetzen. Deshalb fiel die Paulikirche in den Blickpunkt des Staates.

Die drei Glocken des B-Dur-Geläutes der St. Paulikirche wurden jedoch gerettet und verrichten noch heute im Turm der Chemnitzer Kreuzkirche ihren unüberhörbaren Dienst. das ist seinerseits wieder ein kleines Wunder, denn die verwendeten Stahlglocken halten normalerweise nicht 120 Jahre in dieser Klangqualität.


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Einöde - Der Turm der Paulikirche ist weithin über die eingeebnete Innenstadtfläche zu sehen.

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Die Sihoulette der Kirche um 1960


Obwohl bereits viel Geld in die Sanierung geflossen war, erfuhr die Kirchenverwaltung am 27.Februar 1961 per Schreiben vom Justitiar des Stadtbauamtes: "Ihr Grundstück Getreidemarkt 8, Flurstück 264 soll für den Bau von achtgeschossigen Wohnblöcken in Anspruch genommen werden. Wir sind gern bereit, Ihnen nähere Auskunft über Einzelheiten zu geben. Zu dieser Zeit war die Zerstörung der Kirche bereits von hoher Stelle beschlossen. Das Bemühen, dagegen einzuwirken erwiesen sich als ausichtslos. Zwar versuchte man Einwände zu erheben, aber der Beschluß zur "Inanspruchnahme" war rückwirkend zum 1. Januar 1961 gefasst worden und im Aufbaugesetz der DDR gab es dazu kein Rechtsmittel.

Neutral betrachtet war es damals ein Willkürakt des Staates, als am 15. März 1961 der Kirchenbau gesprengt wurde. Mit der Sprengung und der nachfolgenden Beräumung büßte Chemnitz ein über 500-jähriges Kapitel seiner Stadtgeschichte ein. Ob sich damit wohl die Prohezeihung des Mönches beim Auszug nach der Visitation bewahrheitete?
Zeitlicher Abriss
1458 Klostergründung
1540 Auflösung des Klosters
1750 "Neue" Johanniskirche
1875 Name "Paulikirche"
1813/15 Lazarettnutzung
1881 Renovierung
1887 Einweihung Glockenturm
1961 Sprengung


Wo finde ich Spuren?
Die St. Paulikirche befand sich dort, wo heute an der Einfahrt zum "Franziskanerviertel" die Wohnhochhäuser stehen.
Das einzige,was heute noch von der altehrwürdigen St. Paulikirche erhalten ist, sind die Glocken der Kreuzkirche auf dem Kaßberg, die aus der Paulikirche geborgen werden konnten.


"Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam" -
Der Franziskanerorden
Die vom hl. Franz von Assisi (1181-1226) ins Leben gerufene Brüderschaft wurde mit der Anerkennung durch Papst Innozenz III. zum Orden der Minderen Brüder (Ordo Fratrum Minorum, OFM). Nach Deutschland kamen die Franziskaner 1221. Die Ausbreitung des Ordens fiel mit dem Prozess der Verstädterung zusammen. 1517 führten Reformimpulse aus Italien und Frankreich zur Spaltung des Ordens. Die im gleichen Jahr in Deutschland ausbrechende Reformation erschütterte den Orden, er verlor in den evangelischen Städten und Ländern seine Klöster. Eine Konsolidierung setzte erst im 17. Jahrh. ein. Trotzdem konnte sich der Orden behaupten und nach und nach seine alte Organisation wieder aufnehmen. In Deutschland sind die Franziskaner heute mit ca. 550 Mitgliedern nach den Benediktinern der zweitgrößte Orden.


Quellen/Buchempfehlungen
  • "Chemnitz und seine Umgebung" von E.Weinhold, 1910
  • "Chemnitz-Karl-Marx-Stadt und zurück" Chemnitzer Verlag


  • siehe auch: Links und Quellen