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Biegt man heute von der Theaterstrasse kommend in das "Franziskanerviertel"
ein, sieht man rechter Hand Neubaublöcke als Wohnhäuser aus DDR-Zeiten stehen.
Hier befand sich vormals die St. Paulikirche und davor das Gelände des
Franziskanerklosters zu Chemnitz.
Das Franziskanerkloster
Nachdem bereits auf dem Areal am Getreidemarkt seit 1481 gebaut wurde,
genehmigte am 14. April 1485 Papst Innocenz VII. die Stiftung eines
Franziskanerklosters zu Chemnitz. Die Bauzeit hatte stolze vier Jahre betragen
und war von stattlichen Spenden u.a. der Familie Neefe begleitet worden. Der
Überlieferung nach soll der Kurfürst Herzog Friedrich "der Weise" höchstpersönlich
den Grundstein gelegt haben. Allerdings gab es anfangs nicht nur Zustimmung.
So befürchtete etwa der Pfarrer der Stadtkirche St. Jacobi, daß die Bevölkerung
Spenden an das neue Kloster geben könnte, die vielleicht bestehenden Kirchen
besser zuständen. Ebenso befürchtete er einen Rückgang der Zahl seiner
"Beichtkinder", da ja die Franziskaner kein Beichtgeld nahmen. Sicherlich
war auch der damalige Abt der Benediktiner, Kaspar von Meckau, nicht gerade
begeistert von der Neugründung.
Nachdem die Stiftung genehmigt worden war, halten noch im selben Jahr, am 9. September, die ersten 16 Brüder vom "Barfüßerorden" unter Beteiligung und Hilfe der Chemnitzer Benediktiner feierlichen Einzug in das neue Haus. Der Überlieferung nach sollen sie allerdings nicht zu Fuß gekommen, sondern hoch zu Roß in die Stadt geritten gekommen sein. Noch am ersten Tag empfing der "Guardian" (gleichbedeutend mit "Abt") die Weihe. Das Kloster bestand aus einem Wohnhaus, einer Kirche, einem kleinen Glockenturm und einem Wirtschaftsgebäude. Neben dem Geböuden befanden sich Gemäsegärten und in Richtung Lohgasse der eigene Begräbnisplatz des Klosters.
Um dies Einküfte zu stabilisieren wurden durch die Mönche sogenannte Bruderschaften
eingerichtet, die es den beitretenden - und zahlenden - Mitgliedern
erlaubte, den Gnadenhandlungen wie etwa Messen, Fasten, Kasteiungen und
ähnlichen beizuwohnen. Ganze Innungen der handwerkerschaft waren
Mitglieder in den Bruderschaften, so daß es den Mönchen nicht an
Unterstützung gefehlt haben dürfte. So war auch die Familie Neefe seit
1489 Mitglied der Bruderschaft.
Da die Franziskaner einen Großteil Ihrer Leistungen unentgeltlich anboten, kam es zu einer Verschiebung innerhalb der Chemnitzer Kirchen. So nahm die Besucherzahl der Gottesdienste der Jacobikirche und der Johanniskirche - in der die Benediktiner Gottesdient abhielten - wie vorhergesehen ab und stieg dafür bei den Gottesdiensten der Franziskaner an. Auflösung des Klosters
Die erste Visitation
Nach dem Tode des Herzogs Georg im Jahre 1539 führt sein Bruder und Nachfolger Heinrich der Fromme die Reformation ein. Im Zuge dessen kommen am 29. Juli 1539 Visitatoren des Herzogs nach chemnitz und rufen für den nächsten Tag eine Verhandlung ein. Dazu werden der Rat der Stadt Chemnitz, der Abt des Benediktinerklosters, der Guardian der Franziskaner sowie die Geistlichen der Stadtkirchen geladen. Die Visitatoren erklären in vier Punkten, daß Winklemessen, der Genuß des Abendmahles unter einer Gestalt, das Klostergelübbde und die Ehelosigkeit der Geistlichen unstatthaft und abgetan sein. In Folge dessen wird den Franziskanern befohlen:
Zum andern: Niemandes mehr beichte zu hören; denn der Mißbrauch in der Beichte sei bei ihnen im vollem Schwang gewest... Zum dritten: Das hochwürdige Sakrament des wahren Leibes und Blutes Christi weder zu reichen, noch zu empfangen unter einer, sondern nach Christi Einsetzung unter beider Gestalt. Zum vierten: Daß sie keinen Mönch mehr aufnehmen sollen und daß sie einen jeden Bruder frei sollen lassen, nach seiner Gelegenheit sich aus dem gefährlichen und ärgerlichen Klosterleben und Klosterkleid in Ehestand und gemeiner Kleidung zu begeben. Zum fünften: Daß sie nicht mehr zu Predigten läuten, noch einige öffentliche Zeremonien (Gebräuche)zu Verhütung und Zerüttung der Kirchen halten sollen; wollen sie aber Gottesdienste unter sich, doch ungeläutet und mit versperrten Kirchentüren, in Stille halten, soll es ihnen unverboten sein. Zum sechsten: Keine Meuterie (Zänkerei) mit jemand wider das heilige Evangelium und christliche Zeremonien und derselben Anhänger zu machen, noch übel, spöttich oder lästerlich zu reden, noch jemand davon zu ziehen." Die zweite Visitation Am 12. April des Jahres 1540 kam es zur zweiten Visitation in Chemnitz. Dabei ging es weniger friedlich als bei der ersten zu, denn die Auflösung des Klosters wurde befohlen. Die Visitatoren befragten die Franziskanermönche, ob sie gewillt seien, sich dem Evangelium zu unterwerfen. Der Überlieferung nach, sollen daraufhin alle Mönche im "mutwilligem" Tone "Nein!" gerufen haben. Vom Klostervorsteher, dem Guardian Thiele (Thilo) Werner wird berichtet, daß er sich "sehr beißig und widerspenstig" verhalten habe und die Reformation öffentlich und vor den Visitatoren verteufelt habe. Am 19. April werden die Mönche aus der Stadt verwiesen. Die Mönche verlassen schließlich das Kloster Chemnitz. Der Guardian muß geloben, nicht mehr zurück zu kehren. Wahrscheinlich ziehen die Mönche nach Kadan in Böhmen oder nach Halle an der Saale, wo sie wieder in den Besitz eines Klosters kommen. Mit sich nehmen sie ihr Archiv und ihr Hab und Gut. Das Gelände und die Gebäude fallen an die Stadt. Beim Verlassen der Stadt soll der Überlieferung nach ein Mönch ausgerufen und der Stadt Chemnitz prophezeit haben: "Sie werde zu einer volkreichen und glücklichen Stadt gedeihen, aber dem Übermut verfallen und mit Feuer, Pest, Schwert und Wasserfluten heimgesucht werden." Das Klostergelände nach den Franziskanern
Nachdem das Kloster von den Mönchen verlassen ist, beantragt der Rat der Stadt
ein Nutzungsrecht, was ihm jedoch vom Kurfürsten Moritz abgelehnt wird. Daraufhin
dient ein Teil der Gebäude noch einige Zeit als Wohnhaus - u.a. für einen
Hauptmann Pfefferkorn. 1573 kauft dann die Stadt die restlichen Gebäude auf
und betreibt dort nach 1585 die städtische "Ratsmangel".
Im 30-jährigen Krieg wird das Gelände zum Kriegsschauplatz, als sich 1632 kaiserliche Truppen unter Andreas de Contrares darin verschanzen, während vom Kaßberg aus die Schweden unter dem Herzog Bernhard von Weimar die Gebäude beschießen. Nachdem es den Belageren am 19. November 1632 gelingt, eine Bresche in die Stadtmauer in der Nähe des Pfortentores zu schiessen, wird das Gelände am darauffolgenden Tag von den Schweden erstürmt. 1643 fallen die Klosterbauten einem Brand zum Opfer und verschwinden damit weitestgehend aus dem Stadtbild. Später nutzt man die Gebäudereste wohl zur Ausbesserung der Stadtmauer. ![]() Blick vom Kaßberg zur Paulikirche und zum Alten und Neuen Rathaus Kirchenneubau auf den Klostermauern
1749 erwirbt dann die Stadt noch das restlichen Klostergebäude für 100 Taler
vom damaligen Bürgermeister Lange und reißt die Ruinen dnacah ab. Auf dem
Gebiet des ehemaligen Franziskanerklosters wurde 1750 bis 1756 die "Neue
Johanniskirche", damals auch bekannt als "Neukirche" erbaut. Grund für den
Bau war die stetig wachsende Vorstadtgemeinde der Johanniskirche, die diese
nicht mehr betreuen konnte. Die Bauleitung hatte der Freiberger Baumeister
J.G.Ohndorf und der Chemnitzer Zimmerermeister J.M.Mende sowie der Chemnitzer
Maurermeister Ch.Hösel.
Am 25.August 1750 erfolgte die feierliche Grundsteinlegung und am Reformationstag 1756 die feierliche Einweihung durch einige Taufen und Trauungen. Anfangs zierte das schmucklose Äußere nicht einmal ein Turm. Äußerlich zwar schmucklos, sagte man dem Inneren mit etwa 1.800 Plätzen eine sehr gute Akkustik nach. Während der Wirren der Napoleonischen Kriege diente das Gotteshaus von 1813 bis 1815 auch als Lazarett. ![]() Die Kirche (links) im Stadtbild Eigenständigkeit
1875 war die Vorstadtgemeinde Johannis so groß geworden, das die Parochie geteilt
wurde. Die nun selbstständig gewordene Gemeinde taufte man auf den Namen
des Apostel Paulus um. 1881 wurde eine erste Erneuerung der Kirche
durchgeführt, wobei die alte Silbermannsche Orgel durch eine neue der
Gebrüder Jehmlich aus Dresden ersetzt wurde.
1887 erhielt sie umfassende Veränderungen. Nach Einholung eines statischen Gutachtens wurde nun endlich ein 61 Meter hoher Glockenturm gebaut und dieser mit einem B-Dur-Geläut der Glockengiesserei Bierling aus Dresden versehen. Am 6.Oktober 1887 wurden die Glocken und der Turm eingeweiht.
Das Ende als Willkürakt des Staates
Durch die Kriegseinwirkungen des Jahres 1945 wurde das Bauwerk beschädigt.
Besonders die Turmhaube war stark in Mitleidenschaft gezogen worden. Jedoch
begann man nach dem Krieg mit der Sanierung, so daß bereits wenige Jahre
nach Kriegsende Bauarbeiten an der Kirche erfolgten. 1957 wurde der Turm neu
mit Schiefer gedeckt. Aber die Zeiten hatten sich geändert. In der Staatsführung
der DDR versuchte man den Einfluß der Kirche zurückzudrängen und durch
sozialistisches Gedankengut zu ersetzen. Deshalb fiel die Paulikirche in
den Blickpunkt des Staates.
Die drei Glocken des B-Dur-Geläutes der St. Paulikirche wurden jedoch gerettet und verrichten noch heute im Turm der Chemnitzer Kreuzkirche ihren unüberhörbaren Dienst. das ist seinerseits wieder ein kleines Wunder, denn die verwendeten Stahlglocken halten normalerweise nicht 120 Jahre in dieser Klangqualität. ![]() Einöde - Der Turm der Paulikirche ist weithin über die eingeebnete Innenstadtfläche zu sehen. ![]() Die Sihoulette der Kirche um 1960
Obwohl bereits viel Geld in die Sanierung geflossen war, erfuhr die Kirchenverwaltung
am 27.Februar 1961 per Schreiben vom Justitiar des Stadtbauamtes:
"Ihr Grundstück Getreidemarkt 8, Flurstück 264 soll für den
Bau von achtgeschossigen Wohnblöcken in Anspruch genommen werden. Wir sind gern
bereit, Ihnen nähere Auskunft über Einzelheiten zu geben. Zu dieser Zeit
war die Zerstörung der Kirche bereits von hoher Stelle beschlossen. Das Bemühen,
dagegen einzuwirken erwiesen sich als ausichtslos. Zwar versuchte man Einwände zu erheben,
aber der Beschluß zur "Inanspruchnahme" war rückwirkend zum 1. Januar 1961
gefasst worden und im Aufbaugesetz der DDR gab es dazu kein Rechtsmittel.
Neutral betrachtet war es damals ein Willkürakt des Staates, als am 15. März 1961 der Kirchenbau gesprengt wurde. Mit der Sprengung und der nachfolgenden Beräumung büßte Chemnitz ein über 500-jähriges Kapitel seiner Stadtgeschichte ein. Ob sich damit wohl die Prohezeihung des Mönches beim Auszug nach der Visitation bewahrheitete? |
Zeitlicher Abriss
1458 Klostergründung
1540 Auflösung des Klosters 1750 "Neue" Johanniskirche 1875 Name "Paulikirche" 1813/15 Lazarettnutzung 1881 Renovierung 1887 Einweihung Glockenturm 1961 Sprengung Wo finde ich Spuren?
Die St. Paulikirche befand sich dort, wo heute an der Einfahrt zum "Franziskanerviertel" die
Wohnhochhäuser stehen.
Das einzige,was heute noch von der altehrwürdigen St. Paulikirche erhalten ist, sind die Glocken der Kreuzkirche auf dem Kaßberg, die aus der Paulikirche geborgen werden konnten. "Armut, Ehelosigkeit und Gehorsam" -
Der Franziskanerorden
Die vom hl. Franz von Assisi (1181-1226) ins Leben gerufene Brüderschaft
wurde mit der Anerkennung durch Papst Innozenz III. zum Orden der Minderen
Brüder (Ordo Fratrum Minorum, OFM). Nach Deutschland kamen die Franziskaner
1221. Die Ausbreitung des Ordens fiel mit dem Prozess der Verstädterung zusammen.
1517 führten Reformimpulse aus Italien und Frankreich zur Spaltung des
Ordens. Die im gleichen Jahr in Deutschland ausbrechende Reformation
erschütterte den Orden, er verlor in den evangelischen Städten und Ländern
seine Klöster. Eine Konsolidierung setzte erst im 17. Jahrh. ein. Trotzdem
konnte sich der Orden behaupten und nach und nach seine alte Organisation
wieder aufnehmen. In Deutschland sind die Franziskaner heute mit ca. 550
Mitgliedern nach den Benediktinern der zweitgrößte Orden.
Quellen/Buchempfehlungen
siehe auch: Links und Quellen |
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