Die Wanderer-Werke im Westen
Neuanfang im Westen
Als 1946 das Ende abzusehen war, fuhr Hermann Gröschler, ehemaliger Direktor bei Wanderer, mit dem Fahrrad von Chemnitz nach Landsberg am Lech. Dort schlägt er dem alten Johann Winklhofer vor, die Firma in München neu zu gründen. Parallel dazu gründen in Köln einstige Continental-Händler die Exakta-Büromaschinen GmbH. Gemeinsam mit einem Sohn Winklhofers versucht Gröschler das Geld für einen Neustart zu besorgen.

1948 findet in München bei der Dresdner Bank eine außerordentliche Hauptversammlung von Wanderer statt. Man beschließt, den Firmensitz nach München zu verlagern und Chemnitz vorläufig nur als Zweigstelle zu betrachten. Als einziges Kapital bringt man Konstruktionszeichungen und -entwürfe in das Unternehmen ein. Der einzige Angestellte der Münchner Wanderer-Werke wird Hermann Gröschler, der 10.000 Mark als Startkapital erhält. Zu Beginn der 1950er Jahre startet Wanderer in München nun als Handelsunternehmen. Man verkauft Fahrräder und Mopeds von "Meister" aus Bielefeld, sowie Fräsmaschinen von Henschel in Kassel. Vom erwirtschafteten Geld kauft man in Haar bei München ein Grundstück. Auch beteiligt man sich an der Exakta-Büromaschinen GmbH zu 50% und baut bald wieder eigene Fahrräder und Fräsmaschinen.

In den weiteren fünfziger Jahren geht es auf und ab. Geld verdient man mit Mopeds und der Beteiligung an der Exakta GmbH, deren Anteil man bald aufstockt. Jedoch stellt man wegen mangelnder Nachfrage 1956 die Fahrradproduktion - nach mehr 70 als Jahren - auf und vergibt dafür nur noch Namenslizenzen an Drittfirmen. 1957 wird die Exakta GmbH in "Exakta-Continental GmbH" umfirmiert und 1960 von Wanderer komplett übernommen. Daraufhin benennt man das Gesamtunternehmen in "Wanderer-Büromaschinenwerke" um und gliedert den Verkauf von Bull-Erzeugnissen aus, woraus "Bull Deutschland" hervorgeht. 1963 kommt es zu einer erneuten Namensänderung in "Wanderer-Werke AG Köln" und 1964 verkauft man Bull Deutschland.

In den späten Sechzigern wird das Geschäft schwerer und durch technische Pannen laufen auch noch Millionenkosten bei Wanderer auf. Man verkauft die Büromaschinensparte, und läßt eine 25%ige Beteiligung der "Bull Compagnie - General Electrics" zu. 1971 erwirbt die Harpener AG - hervorgegangen aus der 1856 gegründeten Harpener Bergbau-AG und Ruhrkohle-AG-Tochter - über 25% des Wanderer-Grundkapitals. Die Beteiligung von Bull dagegen besteht nicht mehr. In den siebziger Jahren gerät Wanderer ins Schlingern. Nur der Einstieg in anderer Zweige wie etwa der Umwelttechnik und in (!) Tennishallen sowie Kostenreduzierung durch Verkleinerung und Mitarbeiter-Entlassungen rettet Wanderer.

1981 wirft das Unternehmen die letzten Bindungen an die Vergangenheit über Bord. Wanderer war in den Nachkriegsjahren zerzaust worden. Man war schon lange nicht mehr Marktführer sondern hielt gerade noch im Mittelfeld mit. Zum 1. Oktober 1981 wurden die gesamten Maschinenbau-Aktivitäten auf die neue GmbH übertragen und das Stammkapital gleichzeitig auf über acht Millionen Mark erhöht. Die wesentlichen Vermögensgegenstände, nämlich Grundstücke und Gebäude, verbleiben weiterhin im Besitz der AG. Die GmbH wurde an die UTI Industries Holding GmbH in Düsseldorf verkauft, die zur koreanisch-amerikanischen Werkzeugmaschinengruppe Tong II gehörte. Übrig blieb nun nur noch die arbeitnehmerlose Wanderer-Werke AG, die zur Harpener AG gehörte und allein den Grundbesitz und die Mieteinnahmen von der GmbH und den Tennishallen verwaltete. Zwei Vorstandsmitglieder leiteten sie nebenberuflich. Bald wurde auch der angestammte Grundbesitz verkauft und damit die Haarwan SA (zusammengesetzt aus dem Ortsnamen Haar und "Wanderer") als Beteiligungsgesellschaft in der Schweiz in Genf gegründet.

Die Wende kam dann in den frühen Achzigern, als man doch wieder in "reale" Geschäfte investierte und 50% an der Böwe GmbH in Augsburg übernahm. Böwe baute chemische Reinigungsmaschinen und war damit Marktführer in Deutschland. Die anderen 50% an Böwe übernahm die Harpen AG, die ja ebenfalls an der Wanderer-Werke AG beteiligt ist. Interessante Konstruktion.


Zeitlicher Abriss
1945 Demontage
1946 Gröschler nach Westen
1946 Exakta GmbH
1948 Wanderer Sitz München
1957 Exakta-Continental GmbH
1960 Wanderer Büromaschinenwerke
1971 Harpener AG Gesellschafter
1981 Ende Maschinenbau


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