Die VEB Industriewerke
Karl-Marx-Stadt
Am 1. Juli 1948 wurde auf Beschluss der Wirtschaftsleitstelle die bisherigen Wanderer-Werke aufgelöst und zwei selbstständige volkseigene Betriebe gegründet, die auch unterschiedlichen Industrieverwaltungen angehörten. Das eine war "Mechanik, Büromaschinenwerk Wanderer-Continental, VEB, Chemnitz", das andere "VEB Wanderer-Fräsmaschinenbau Siegmar-Schönau". Damit endet die "traditionelle" Geschichte der Wanderer-Werke in Chemnitz. Jedoch ging es weiter. Und das sowohl in den Neugründungen in Chemnitz wie auch mit dem Neustart in Bayern. Die Tradition lebt noch heute. Lesen Sie hier über die weitere Entwicklung des Büromaschinenwerkes in Karl-Marx-Stadt.


Neubeginn mit Schreibmaschinen
Im ausgegliederten Betrieb "Mechanik, Büromaschinenwerk Wanderer-Continental, VEB, Chemnitz" der ehemaligen Wanderer-Werke begann man nach Ende der Demontagen wieder mit dem Bau von Schreibmaschinen und Buchungsautomaten. Die Produktionszahlen wuchsen recht schnell, so daß Anfang der fünfziger Jahre bereits wieder knapp 20.000 Schreibmaschinen und etwa 750 Buchungsautomaten produziert werden kopnnten. Nachdem 1953 Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt wurde bekam auch das Werk einen neuen Namen: "VEB Büromaschinenwerk Karl-Marx-Stadt".


Luftfahrtunternehmen
Nachdem man sich im Bereich des Büromaschinenbaus wieder peu a peu etablieren konnte, kam es 1955 zu einem jähen Schnitt durch Eingreifen der zentralistischen Wirtschaftsplanung der DDR. Am 4. Februar 1955 beschloss der Ministerrat der DDR den Aufbau einer eigenen Luftfahrzeugflotte und damit einer eigenen Luftfahrtindustrie. Dem VEB Büromaschinenwerk wurde die Aufgabe zum Bau von Luftfahrtgeräten für den Passagierflugzeugtyp IL-14. Die bisherige Produktion von Schreibmaschinen ging an den VEB Optima nach Erfurt und die Produktion von Buchungsautomaten an den VEB Astra Buchungsmaschinenwerk Karl-Marx-Stadt.

Infolge dieser Umstrukturierung wurde am 1. März 1955 der VEB Industriewerke Karl-Marx-Stadt gegründet. Dort wo bisher die legendären Continental-Schreibmaschinen und die Addiermaschinen gebaut wurden, stellte man nun Flugmotoren, Luftschrauben, hydraulische Fahrwerke sowie Bordgeräte her.

Hier sei anzumerken, daß mit der Aufnahme des Baus von Luftfahrtgeräten die alte Tradition des Flugzeugbaus in Chemnitz fortgeführt wurde, wie sie beispielsweise zur Jahrhundertwende durch Unternehmen wie G.A. Bräuer begründet wurde.

Zur Realisierung der Produktion wurde unter anderem für die Flugmotorenfertigung die neue Halle 25 erbaut, die heute die moderne Chemnitz-Arena beherbergt. Hier stehen heute auch noch zwei von ehemals vier Motorenprüftürmen. Diese wurden 1959 errichtet, nachdem man von 1955 bis 1958 die Flugmotoren im Freien mit entsprechender Geräuschkulisse für die Anwohner erprobt hatte. Diese zwei Prüftürme vor der Messehalle sind erfreulicherweise erhalten und vor dem Abriss bewahrt worden.


Hydraulikhersteller
Eine eigenständige DDR-Luftfahrtindustrie wurde von den sowjetischen "Freunden" nicht allzu gern gesehen, bedeutete das doch auch eine mögliche Konkurrenz für die russischen Flugzeugwerke. Aber die DDR-Führung unter Walter Ulbricht wollte unbedingt diesen Wirtschaftszweig auch aus Prsetigegründen aufbauen. Doch 1961 kam es zum Unglück. In diesem Jahr stürzte das von der Dresdner Flugzeugwerft gebaute erste und einzige Düsen-Passagierflugzeug der DDR, die B 152, bei einem Präsentationsflug für Fotoaufnahmen in der Nähe von Dresden ab. Daraufhin wurden die kostspieleigen Bestrebungen einer eigenen Flugzeugindutrie 1961 jäh eingestellt. Für den VEB bedeutete das eine erneute Umorientierung. Man wurde dem Kombinat ORSTA Hydraulik Leipzig angegliedert. Damit wurden alle Planungsarbeiten für weitere Hallen auf Eis gelegt. Nun war man Hydraulik-Hersteller und fertigte hydraulische Pumpen und Motoren für den Motoren- und Fahrzeugbau.

Hier sei anzumerken, daß man damit wieder in die Fußstapfen der legendären Wanderer-Werke trat, die ja ebenfalls mit dem Automobilbau große Erfolge erzielten.

Ganz neu war dies nicht, denn man hatteja bereits beim Fluggerätebau hydraulische Komponenten, wie etwa Fahrwerke produziert. Auch zu Werkserweiterungen kam es, da man für einen neuen Großrechner - den damals wegweisenden Robotron 300 - ein komplett neues Gebäude (heute Sitz der Sachsenhydraulik GmbH) errichtete.


Nach der Wende
Mit dem Ende der DDR wurde der VEB Industriewerke Karl-Marx-Stadt abgewickelt. Daraus entstand 1990 die Sachsenhydraulik GmbH Chemnitz. Doch man hatte schwer zu kämpfen: Die osteuropäischen Märkte brachen infolge der Währungsumstellung weg und die Produktion sank innerhalb von vier Jahren auf nur zehn Prozent des urpsünglichen Volumens. Viele Mitarbeiter verloren Ihre Arbeitsstelle. Das urspüngliche Wanderer-Gebüude an der Zwickauer Straße 21 wurde aufgegeben und das Unternehmen in die DDR-Gebäude an der Neefestraße verlegt. 1994 wurde das Unternehmen an das US-amerikanische Hydraulikunternehmen Commercial Intertech Corp. aus >oungstown in Ohio verkauft und 2001 an den ebenfalls amerikanischen Konzern Parker-Hydraulics weiter gereicht. Hier an der Neefestraße setzt sich nun die heute 120-jährige Geschichte der legendären Wanderer-Werke erfolgreich fort.


Zeitlicher Abriss
1948 Neugründung
1953 VEB Büromaschinenwerk
1955 Produktion Luftfahrtgeräte
1955 Ende Büromaschinenproduktion
1955 VEB Industriewerke
1955 Fluggeräte
1955 Neue Hallen
1959 Prüftürme
1961 Ende Fluggeräte
1961 Hydraulikhersteller
1990 Sachsenhydraulik
1994 Commercial Intertech
2001 Parker-Hydraulics


Wo finde ich Spuren?
An der Zwickauer Straße im Stadtteil Schönau ist noch das großflächige Areal der ehemaligen Wanderer-Werke zu sehen. Vor dem Eingang der 2003 neu eröffneten "Chemnitz-Arena" stehen noch zwei von ursprünglich vier Prüftürmen, die früher zum Test von Flugzeugmotoren verwendet wurden.


www.Historisches-Chemnitz.de