Die Cattun-Druckereyen
Historisches Chemnitz - Die Kattundruckerei
Der "Vogelbauer" an der Müllerstraße, erbaut 1851, auf einer Aufnahme von 1979.
Der Kattundruck erobert Chemnitz
Kattun ist ein Stoff, der mit der Baumwolle verwandt ist und eher für die Massenproduktion eingesetzt wird. In Chemnitz stellten die Weber diesen Stoff seit Anfang des 18. Jahrhunderts her. Zur damaligen Zeit war die Kattunweberei aber eher unbedeutend im Gegensatz zu anderen Stoffarten.

Bis 1765 wurde das Kattun in Chemnitz nur gewebt, aber anderen Orts erst bedruckt. Der Konkurenzdruck durch andere Städte aber wuchs und auch aus Frankreich und England drängten farbenfrohe Stoffe nach Deutschland. Die Chemnitzer Weber blieben also mehr oder weniger auf ihrer "weißen" Ware sitzen.

1765 jedoch wurde mit finanzieller Unterstützung des sächsischen Staates in Chemnitz durch den "Coloristen" Wilhelm Georg Schlüßel eine Kattunweberei mit fünf Arbeitern eingerichtet. Schlüßel kam aus Hamburg und hatte die Jahre zuvor in der Nähe von Burgstädt Kattun bedruckt. Er war der erste Kattundrucker in Chemnitz und arbeitete selbst bei der Produktion mit.

Das unscheinbare Unternehmen wuchs langsam, so daß man 1770 bereits 23 Mitarbeiter beschäftigen konnte. Ein Jahr nach Schlüssels Unternehmensgründung begann das Unternehmen von Benjamin Gottlieb Pflugbeil mit dem Bedrucken von Kattuntüchern. 1780 existierten bereits fünf Druckereien mit 56 "gangbaren Tischen" in Chemnitz.


Der Kattundruck als Wachstumsbranche
Nach und nach setzte sich der Industriezweig Kattundruck durch und immer mehr Geschäftsleute investierten ihr Geld in diese Branche. Damit war die Zeit der kleinen Betriebe vorbei. Große Manufakturen entstanden in Chemnitz. Aber es gab in Chemnitz damals fast keine Arbeiter die die Technologie des Druckens beherrschten. So mußte man Arbeitskräfte aus anderen Städten rekrutieren, wo schon früher auf Kattun gedruckt wurde. So kamen viele Arbeiter aus ganz Sachsen, Franken und Bayern nach Chemnitz. Aber auch Schweizer, Franzosen, Österreicher, Böhmen, Schlesier und Berliner zog es so in die wachsende Stadt. Die Branche wuchs dermaßen, daß in Chemnitz der Kattundruck bald genauso wichtig und bedeutend wurde wie die althergebrachte Weberei. Ein Indiz dafür war unter anderem, daß 1797 bereits 47 Formstecher in Chemnitz arbeiteten. Formstecher waren die Leute, die kunstvolle Muster in die Druckstöcke aus Birnbaumholz schnitzten.

Zwar nahm die Anzahl der Betriebe leicht wieder ab, aber im Jahre 1809 erreichte der Kattundruck in Chemnitz mit knapp 1.450 Arbeitern und einen Ausstoß von knapp 140.000 Stück Stoff seinen Höhepunkt. Die Stoffe gingen in die ganze Welt. Streifenstoffe exportierte man bis in den Orient, Blumenmuster bis nach Rußland und Polen. Diese fast industrielle Produktion stand im Gegensatz zu den althergebrachten Klein- und Kleinstbetrieben der Weber, denn der Kattundruck war weitaus arbeitsteiliger und anspruchsvoller. So verwundert es nicht, daß viele der zuziehenden Facharbeiter gebildet und weltläufig waren. Dementsprechend waren sie auch stolz und selbstbewußt.


Historisches Chemnitz - Die Kattundruckerei
Kattundrucker und Streichjunge bei der Arbeit, um 1840



Die Kattundruckerei als Vorstufe zur Fabrikarbeit
Sozialpolitisch führte der Kattundruck zu einer Zäsur. Die zuwandernden Kattundrucker waren ohne Zunftbindung und freie Lohnarbeiter, die im Gegensatz zu den Tagelöhnern eher fest an ein Unternehmen gebunden waren. Sie waren also noch keine Fabrikarbeiter im klassischen Sinne, aber auch keine Tagelöhner oder Zunftangehörige in alten Sinne mehr. Auch betreffs des Lohnes waren sie recht gut gestellt. Etwa vier bis fünf Taler verdienten Drucker und Formstecher in Chemnitz zur damaligen Zeit. Das war ungefähr ein Viertel mehr als in den klassischen Weberzünften.

Die Arbeit der Drucker, der Streichjungen, der Anmal- und Schildermädchen und der Hilfsarbeiter war hart. Oftmals wurde den ganzen Tag in giftigen Farbdämpfen in dunklen muffigen Räumen gestanden. Gearbeitet wurde von Sonnenauf- bis zum -untergang. Auch Schulkinder von sieben oder acht Jahren arbeiteten wie die Erwachsenen selbstverständlich mit. Bei Becker&Schraps arbeiteten insgesamt etwa 160 Kinder, 85 davon in der Druckerei.

Nach und nach wuchs Chemnitz in Sachsen zu einer Hochburg des Kattundrucks heran. Bald standen weit mehr als die Hälfte aller Drucktische Sachsens in den Dutzend Kattundruckereien in Chemnitz. Das führte zu einer Oligopolbildung der Branche in Chemnitz. Fünf der Besitzer der größten Kattundruckereien waren zugleich Verleger von Kattunwebern und Gründer eigener Spinnereien. Dies waren aus heutiger Sicht legendäre Unternehmen - Gebrüder Hübner&Söhne, Becker&Schraps, Pflugbeil&Co., Ackermann&Co. sowie Pfaff&Söhne.


Historisches Chemnitz - Die Kattundruckerei
Kattundruck auf Walzendruckmaschinen



Niedergang
Aber auch in der Stoffdruckerei setzte sich nach und nach Maschinenkraft statt Handarbeit durch. Eduard Leitenberg entwickelte seine "Leitenbergine", eine Art Druckmaschine mit hölzernen Walzen. Auch aus Frankreich kam eine solche Maschine - die "Perrotine" von Perrot. Das führte zu einem Umschwung. "...Berlin ist im Druckfache ein täglich mehr gewinnender Gegner, wie die Leipziger Messen dies bekunden..." schrieb die sächsische Presse. Und der Preisdruck auf die Chemnitzer Druckereien wuchs ständig an. Auch zog es nun viele Fachkräfte nach Preußen, denn in Berlin konnte man deutlich mehr verdienen als in Sachsen.

Eine Randerscheinung in Chemnitz blieb der Erfinder und "Kattun-Druckmaschinen-Fabrikant" namens Schnäbely, der sich mit einer eigenen Erfindung in Konkurenz zur "Perrotine" begab. Zwar wurde seine Maschine gelobt, aber konnte sich nicht durchsetzen.

Die Kattundrucker versuchten sich gegen die neue Zeit zur Wehr zu setzen. Aber auch ein erfolgreicher Streik von 1820 gegen den Einsatz einer Walzendruckmaschine konnte den Vormarsch nicht stoppen. Damit begann auch in Chemnitz der Übergang von der Stoffherstellung als wichtigsten Wirtschaftszweig hin zum Maschinenbau.


Kattundruckerei Schüffner
In dieser abklingenden Ära entstand aber nochmals in Chemnitz ein Kattundruck-Unternehmen. Das damals 1851 errichtete Gebäude ist in der heutigen Zeit die einzige übrig gebliebene Spur in die Vergangenheit des Chemnitzer Kattundrucks.

Betrachtet man sich heute das Gebäude, so fallen die vielen dicht beieinander liegenden Fenster auf, die dem Haus im Volksmund den Namen "Vogelbauer" bescherten. Diese vielen Fenster waren dazu nötig, die Drucksäle mit entsprechend viel Licht zu versorgen. Auch fällt der seltsam quadratische Grundriss des Gebäudes auf, der der Form der damaligen Drucksäle entspricht.

1870 wurde auf Wunsch Schüffners das Erdgeschoß in eine Wohnung umgebaut und etwas später durfte er an seinem Hause eine Brücke zum Privatgebrauch über die Chemnitz bauen. Damals existierte an dieser Stelle keine Brücke und auch keine Müllerstraße.


Zeitlicher Abriss
1765 Erste Druckerei in Chemnitz
1766 zweites Unternehmen
1780 5 Druckereien
1809 Produktionshöhepunkt
1820 Streik gegen die Maschinen
1851 Vogelbauer


Wo finde ich Spuren?
Als einzige Spur finden Sie heute das alte klassizistische Gebäude der Kattundruckerei an der Müllerstraße 31.


Was ist Kattun?
"Kattun ist ein baumwollener, nach Leinwandart glatt und ziemlich dicht gewebter Stoff. Die K. kommen entweder weiß in den Handel und sind dann meist für den Druck bestimmt, oder gefärbt, oder endlich bedruckt. Ist der K. für den Verbrauch mit Naturfarbe bestimmt, so erhält er meist eine steife und glänzende Appretur."
aus Meyers-Konversations-Lexikon der damaligen Zeit


Historisches Chemnitz - Die Kattundruckerei
bedrucktes Kattun



Kattun im Volksmund
Hier sitz ich drbärmlich,
und wirke Kattun.
De Stunde drei viertel,
Do hoa ich ze tun.
(Kinderwiegelied aus Olbersdorf bei Zittau)


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