"...ihm die Arbeit sofort aufgekündigt"
Der 11.Januar 1834 ist ein Samstag und Lohntag. Doch beim Abholen der Lohntüten ließ Haubold seinen Arbeiter "das Gesetzbüchelchen" zur Unterschrift vorlegen. Es war ein Novum - die erste von Chemnitzer Fabrikordnung.

Dazu sei bemerkt, daß sich damals der Übergang von den kleinen Handwerkerbetrieben hin zu Großunternehmen vollzog, und damit eine ordnende Leitlinie durchaus angebracht war. Haubolds Fabrikordnung war im Allgemeinen nicht schärfer als andere folgende und entsprach damit dem Ton der Zeit.

In zwanzig Artikeln werden Vorschriften für die Regelung der täglichen Arbeit erlassen. Einige Positionen beschäftigen sich - sicher zu Recht - mit der Ordnung und Sauberkeit am Arbeitsplatz, mit Regelungen zum Rauchen und dem - damals noch üblichen - Alkohol am Arbeitsplatz. So weit so gut.

Was Haubold aber auch versuchte, war in den Paragrafen 2 und 3 geschrieben. Ohne anderweitig darauf hinzuweisen hatte er versucht, hier eine Verlängerung der Arbeitszeiten ohne zusätzliche Bezahlung durchzudrücken. Es kam sofort zum Streik.

Noch am selben Tag läßt er beim Stadtschreiber zu Protokoll geben "daß von einen großen Theile seiner Fabrikarbeiter wegen einiger Bestimmungen in den neuen Gesetzen für seine sämtlichen Arbeiter, ihm die Arbeit sofort aufgekündigt"

Haubold erstattete Anzeige und verlangte die Ausweisung "aller Ausländer" also aller Nicht-Sachsen. Als Anstifter wurde der Schlosser Reißmann und dessen Sohn genannt, eigentlich ein treuer Arbeiter Haubolds. Reißmann war schon 1824 für Haubold tätig, also als dieser noch selbst in einer kleinen Werkstatt arbeitete. Er hatte Haubold lange Jahre begleitet aber die Fabrikordnung kränkte ihn tief, wie er beim Verhör durch den Stadtschreiber zu Protokoll gab. Er erklärte erregt, daß er von der Denunzation Haubolds aufs Tiefste enttäuscht sei und die Stadt verlassen werde.

Am Abend des selben Tages versammelten sich die Hauboldschen Arbeiter sowie andere Gesellen in der Schlosserherberge. Der Alkohol floss kräftig und die Stimmung war laut und aufgeheizt. Da die Stadtverwaltung Krawall befürchtete, kam die Kommunalgarde zum Einsatz. Laut Rapport des Kompagnieführers Tetzner der 12.Kompagnie spielte sich das wie folgt ab:

Gegen 10 Uhr 30 wurde er zur Schlosserherberge geschickt, da von dort Unruhe vermeldet wurde. Er schickte einen Rottmeister und vier Mann dorthin. Aber die Nachbarn der Schlosserherberge verlangten verstärkten Einsatz, da die Ruhe nicht herzustellen war. So musste er Verstärkung schicken. Nach 12 Uhr wurden "mehrere Individuen wegen Exceß und Widersätzlich(keit) sowohl gegen die Patroulle als Polizey in Arrest gebracht". Der Schlußsatz des Berichtes lautet interessanterweise: "Außerdem nichts vorgefallen".

Die Gesamtsituation schien aber gefährlich. Dabei bezog die Obnrigkeit der Stadt deutlich auf Seiten Hasubolds Partei. Amthauptmann Polenz erwog sogar, Militär einzusetzen. Die Lage spitze sich zu. So schnell wie sich die Erregung aber gesteigert hatte, so schnell endete sie auch wieder. Die Inhaftierten wurden freigelassen und die Fabrikordnung trat in Kraft. Haubold hatte sich bereit erklärt die einstündige Arbeitszeitverlängerung zu bezahlen. Eine weiter Strafverfolgung verlief sich, da nun niemand mehr daran Interesse hatte.

Warum hatte Haubold nachgegeben? Wohl deshalb, weil seine Arbeiter zum Teil hoch spezialisiert waren und er nicht so schnell Ersatz finden konnte. Wohl bestand auch die Gefahr, daß seine Konkurenten seine Arbeiter mit Freude übernommen hätten. Eines jedoch wird bei dieser kurzen aber wichtigen Auseinandersetzung deutlich:

Mit der Einführung der Fabrikordnung vollzog Haubold den Bruch auf dem Weg von der patriarchalischen Werkstatt hin zur Industriealisierung der Arbeit mit einer deutlich stärkeren und ständigen Konfrontation zwischen Arbeitern und Arbeitgebern.


haubold_fabrikordnung.pdf
Fabrikordnung von 1834


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