Der Chemnitzer Eisenbahnkrieg

Wie bereits im Unterkapitel zum "Loktransport" erläutert, war die Lage der Sächsischen Maschinenfabrik in gewisser Hinsicht prekär. Zwar gehörte man zu den bedeutensden Lokomotivproduzenten der Welt, musste aber ein jedes Mal einen enormen Aufwand betreiben, um diese auszuliefern. Da der Transport mit Pferden zum Bahnhof teuer und ineffizient war, musste also früher oder später etwas passieren. Ein eigener Gleisanschluß zum Werk musste her.

Nun ist ja auch der Bau eines eigenen Gleises nicht gerade einfach und kostenintensiv, daher wandte sich Hartmann 1869 in einer Petition an den sächsischen Landtag, mit der Bitte um Kostenübernahme eines Gleisanschlusses. Diese Petition wurde sowohl vom Stadtrat der Stadt Chemnitz, der Amtshauptmannschaft wie auch der Kreisdirektion Zwickau "warm empfohlen".

Der direkte Weg zum Chemnitzer Hauptbahnhof war versperrt, denn die Bebauung versperrte den Weg dahin. Deshalb dachte man an einen Weg, der östlicher in Richtung Glösa verlief. Diese geplante Strecke berührte jedoch den Grund und Boden des Webstuhlfabrikanten Louis Schönherr.

Da die gesetzlichen Vorgaben gegen eine Bervorzugung Hartmanns beim Bahnbau sprachen, benutzte man das Argument der Gemeinnütigkeit des Vorhabens. Am 14. Februar 1870 kam es in der I. Kammer des Landtages zur ersten Lesung, bei der der Chemnitzer Bürgermeister für das Projekt sprach und auf die unhaltbaren Zustände, Kosten und Schäden für die Stadt durch die Loktransporte mittels Pferdebahn hinwies. Aufgrund der überzeugenden Rede stimmte die erste Kammer des Landtages der petition zu, allerdings vorbehaltlich einer Zustimmung durch die II. Kammer.

Dann kam es jedoch zu harten Auseinandersetzungen, da ja nicht nur "irgendein Gleisanschluss" zur Debatte stand, sondern es um die Befugniss zur Enteignung von Grund und Boden aufgrund wirtschaftlicher Interessen ging. Sicherlich wäre es nicht zu solchem Politikum gekommen, wäre es um einen unbedeutendes Stück Land gegangen, aber der Gegenpart von Hartmanns Bestrebungen war eben der ebenfalls einflussreiche Louis Schönherr.

Infolge der Auseinandersetzungen zog die Angelegenheit immer größere Kreise, wobei die Presse fast täglich Erklärungen und Gegenerklärungen abdruckte, so daß die Angelegenheit bald eine immense Publizität in der Chemnirtzer Bevölkerung genoss.

Schliesslich sah sich Schönherr selbst genötigt, zur Sache Stellung zu nehmen. Er legte in einer öffentlichen Erklärung seine Sicht der Dinge dar. Er bezog dahingehend Stellung, daß er prinzipiell dem Projekt nicht abgeneigt sei, nur eben vor der Wahl gestanden habe, einer Zerstörung des von ihm angelegten Schönherrparks zuzustimmen oder nicht. Alternativen dazu seien ihm nicht unterbreitet worden, so daß er sich zur Ablehnung entschlossen habe.

Schönherr deutete seine Zustimmung an, wenn einige Punkte erfüllt werden würden. Zum Beispiel ging es ihm darum, daß nur Pferdebahnen eingesetzt werden dürften. Dies wurde aber von der Hartmannschen Seite bzw. deren Befürwortern abgelehnt. Ein weiter Vorschlag Schönherrs einer Strecke durch den Küchwald fand ebenso keinen Anklang, da dies wegen des Geländes zu teuer gekommen wäre. Da Schönherr unter dem Druck stand, einer für die Stadt wichtigen Anlage im Wege zu stehen, schlug er schliueßlich vor, sein Land gegen eine Entschädigung abzutreten, wenn der Schönherrpark nicht durchquert sondern untertunnelt werde.

"dringende Notwendigkeit"?
Damit war eine Einigung in greifbare Nähe gerückt. Aber wie so oft, war auch diese Angelegenheit noch nicht in trockenen Tüchern, denn inzwischen war wieder eine andere Bauweise favorisiert worden, die keinen Tunnel, sondern lediglich einen Geländeeinschnitt beinhaltete, was den Schönherrpark zerstückelt hätte und damit den "wunden Punkt" Schönherrs traf. Schönherr lehnte dies, wie zu erwarten war, ab und die Verhandlungen waren wieder in einer Sackgasse angelangt, so daß man konkret daran dachte Schönherr zu "expropriieren", also zu enteignen.

Damit schlugen die Wellen noch einmal richtig in die Höhe. Der Landtagsabgeordnete Ludwig verteitigte gegen starken Widerstand die Position Schönherrs und pochte auf die Wahrung der Verfassungsrechte. "Niemand kann gezwungen werden, sein Eigenthum etc. zu Staatszwecken abzutreten, als in den gesetzlich bestimmten, oder durch dringende Notwendigkeit gebotenen Fällen etc." Von einem Staatszweck könne im vorliegenden Fall gar keine Rede sein, und eine "dringende Notwendigkeit" liege schon gar nicht vor. Die Enteignung Schönherrs und eines Teils der Schloßchemnitzer Bevölkerung zu Gunsten Hartmanns wäre schlichtweg ein Verfassungsbruch.

Dies war wohl der springende Punkt, denn niemand wollte sich dies wirklich vorwerfen lassen, nicht einmal, um einen Industriellen zu unterstützen. Nach und nach wurde es stiller um die Petition Hartmanns bis der "Eisenbahnkrieg" schließlich einschlief.

Entspannung durch das "Industriebahnprojekt"
Auch bei Hartmann hatte man inzwischen vorausschauend umdisponiert und fasste nun eine Anmschlussvariante nicht mehr über Glösa, sondern über Altendorf ins Auge. Damit sparte man die seniblen Bereiche Schloßteich und Küchwald aus. Bei der Sächsischen Maschinenfabrik plante man nun eher mittelfristig. Man erwarb wichtige Grundstücke in Richtung Beyerstraße und in Borna und Furth und bebaute diese so, daß optimal auf einen möglichen Gleisanschluss vorbereitet waren.

Auch von politischer Seite und von Seiten der Stadt entspannte sich die Lage in den folgenden Jahren, da die Stadt nun nach 1897 ein "Industriebahnprojekt" betrieb, daß nicht nur Hartmann, sondern mehrere Chemnitzer Unternehmen bedachte. Auch von Seiten der sächsischen Staatsregierung wurde eine Kostenübernahme und eine zügige Genehmigung signalisiert.

Mit der dann kommenden Industriebahn waren alle Probleme, die den "Chemnitzer Eisenbahnkrieg" hervorgerufen hatten beseitigt.
Zeitlicher Abriss
1869 Petition
1870 Erste Lesung


Quellen
siehe: Links und Quellen